Tag und Nacht der Demokratie

Der 9. November 2017 in Jena


Der britische Historiker Eric Hobsbawm nennt das 20. Jahrhundert „Zeitalter der Extreme“. Er meint damit die extremen Gewalterfahrungen zweier Weltkriege, die Tod und Leid in nie dagewesenem Ausmaß über die Menschheit brachten, aber auch Ideologien wie den Faschismus, den Nationalsozialismus und den Kommunismus. Alle drei forderten die totale Herrschaft über Gesellschaften und Räume ein.


Demonstration in Jena im Herbst 1989, Foto: Christof Herrmann

Das Ende des 20. Jahrhunderts lehrt uns aber auch, dass sich der Ruf nach Menschenrechten und demokratischer Mitbestimmung nicht dauerhaft unterdrücken lässt. Von innen heraus brachten die Völker des östlichen Europas und der DDR die diktatorischen Regime des Staatssozialismus zu Fall. Die universale Wirkmächtigkeit von Freiheit und Demokratie obsiegte. In einem einzigen Tag in der deutschen und europäischen Geschichte kristallisiert sich diese Erzählung des 20. Jahrhunderts: im 9. November. Der 9. November 1918 bedeutete mit der Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann das endgültige Ende der Monarchie in Deutschland. Am selben Tag rief Karl Liebknecht die sozialistische Republik aus. Über die zukünftige politische Gestaltung Deutschlands bestand also keinesfalls Einigung. Wie unsicher die neu entstandene Weimarer Republik war, zeigt der Hitler-Ludendorff-Putsch am 9. November 1923, als rechtsextreme und national-konservative Kräfte gegen die Republik gewaltsam opponierten – auch wenn sie zunächst scheiterten.

Das deutschlandweite Pogrom am 9. November 1938 symbolisiert die dunkelsten Zeiten Deutschlands. Dieser Tag steht für den Übergang von staatlicher Diskriminierung und Kriminalisierung der deutschen und schließlich auch europäischen Juden hin zu Deportation und industriellem Massenmord. Die Shoah ebenso wie die Ermordung der Sinti und Roma, der körperlich und geistig Beeinträchtigten, Zeugen Jehovas, Homosexueller und politischer Gegner ragt als beispielloser Zivilisationsbruch aus der Geschichte dieses Jahrhunderts heraus. Fünfzig Jahre später fand ein Ereignis statt, das nicht Entsetzen, sondern Freude hervorrief. Am 9. November 1989 öffnete sich durch die Friedliche Revolution in der DDR der Eiserne Vorhang, jene Grenze, die Deutschland und Europa vierzig Jahre lang in Ost und West teilte.

Wie soll an jenen Tag erinnert werden? Wie kann der Gleichzeitigkeit von mahnender Trauer und freudiger Erinnerung Rechnung getragen werden? Eine mögliche Verbindung liegt in der Auseinandersetzung um Menschenrechte, Demokratie und gegenseitigen Respekt. Was gesagt und getan werden konnte, als diese Werte nicht mehr galten, zeigt auf bestürzende Weise der Holocaust. Alt-Bundespräsident Roman Herzog nannte Auschwitz eine „Undenkbarkeit, die einmal Wirklichkeit geworden ist“. Daraus lernte die europäische Gemeinschaft und entwickelten einen gemeinsamen Maßstab. „Der Widerstand gegen Totalitarismus und Gewaltherrschaft und das Bekenntnis zu Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, das sind unsere gemeinsamen Fundamente“ – so formulierte es 2016 Joachim Gauck.

Dass das „Haus Europa“ auf diesem gemeinsamen Fundament stehen kann, ist auch ein Ergebnis des 9. November. Die Verknüpfung von Gedenken an die Opfer und Erinnerung an das Erreichte ist möglich. Gemeinsam mit vielen anderen Vereinen und Initiativen aus Jena laden wir Sie herzlich ein, am 9. November an „Tag und Nacht der Demokratie“ zu erinnern. Das vorliegende Programm bietet zahlreiche Möglichkeiten dazu.

Christian Hermann
Thüringer Archiv für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“